gutachten-teil1-3d-blockNachweis der fehlerhaften Besucherprognosen des Gutachtens zum potenziellen Nationalpark Nordschwarzwald, erarbeitet von den Firmen PWC und ö:konzept (im folgenden PWC-Gutachten genannt)

Von Prof. Dr. Wolfgang Tzschupke, Freudenstadt

Die folgenden Erläuterungen beziehen sich auf die Seiten 296 bis 306 des PWC-Gutachtens in denen die Gutachter für den geplanten Nationalpark Besucherprognosen von 2.947.664 („pessimistisches Szenario“) bzw. 3.052.694 („realistisches Szenario“) bzw. 3.165.484 Besuchern („optimistisches Szenario“) ermitteln (s. Tab. 107, S. 305).

Rechnerisch beruhen diese Zahlen im Wesentlichen auf der folgenden Formel (s.S. 298 u. 304):

formel-tourismuszahlen1

 

Darin bedeuten (s.S. 298):

  • g = Grundgesamtheit = prognostizierte Übernachtungen im „Wirkbereich I“ (s. S. 304)
  • w = Übernachtungen 2011 im „Wirkraum I“ (s.S. 207 f.)
  • v1 = Verhältnis aller Nationalparkbesucher zur Sa. der Übernachtungen in den an die vergleichsweise untersuchten 7 Nationalparks (s.u.) angrenzenden Gemeinden
  • v2 = Verhältnis aller Nationalparkbesucher zum jeweiligen Besucherpotenzial der an die untersuchten 7 Nationalparks angrenzenden Gemeinden
  • t = Mittelwert der Relationen aus Tages- zu Übernachtungsbesucher in den an die untersuchten 7 Nationalparks angrenzenden Gemeinden
  • n = durchschnittlicher Anteil der übernachtenden Nationalparkbesucher i.e. Sinne in den „vergleichbaren Nationalparks Eifel und Sächsische Schweiz“
  • m = sog. Motivkorrektur, dieser Faktor unterstellt – je nach Szenario – dass im Wirkraum I des geplanten Nationalparks 70, 50 oder 30% der zukünftigen Besucher neue Gäste seien (S. 298 f.)

Abgesehen davon, dass die Schreibweise der o.a. Formel fehlerhaft oder zumindest irreführend ist (rechts des Gleichheitszeichens ist mit g offensichtlich w gemeint; g ist ja die gesuchte Größe – ferner fehlt zwischen gt das Multiplikationszeichen), wird die Eignung der Formel zur Berechnung der künftig zu erwartenden Besucher nicht hinterfragt.

Erkennbar ist aber, dass das Ergebnis – also die prognostizierten Übernachtungszahlen wesentlich von den Multiplikatoren v1, v2, t, n und m abhängig ist: Je größere diese Multiplikatoren desto größer werden die prognostizierten Übernachtungszahlen bzw. Besucherpotenziale bzw. die aus diesen abgeleiteten Besucherprognosen.

Diese Feststellung gilt ebenso für die kalkulierten Besucherpotenziale (Tages- und Übernachtungsbesucher, s.S. 304) und die in Tab. 107 (S. 305) abgeleiteten Gesamtbesucherprognosen.

Grundsätzlich wäre auch zu hinterfragen, weshalb der Faktor n nur aus den Vergleichsdaten von 2 Nationalparken (Eifel und Sächsische Schweiz s.o.) und nicht wie die Faktoren v1, v2 und t aus den Vergleichsdaten von 7 Nationalparken (s. Tab. 103, S. 300) abgeleitet wurden. Darauf wird aber ebenso verzichtet wie auf eine Diskussion der sog. Motivkorrekturen m, welche die 3 Szenarien kennzeichnen (s.o.).

Im Folgenden wird ausschließlich erläutert, weshalb die Gutachter die 3 Multiplikatoren v1, v2 und t methodisch falsch ermittelt haben.

Hierzu zur Veranschaulichung ein Rechenbeispiel anhand der Zweitstimmenergebnisse der Partei Die LINKEN bei der Bundestagswahl 2009:

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Mit 5,1 Mio. Zweitstimmen entfielen also 11,7% der abgegebenen Stimmen auf diese Partei. Würde man jedoch versuchen, den Zweistimmenanteil der hier als Beispiel verwendeten Partei dadurch zu berechnen, dass man die jeweiligen Prozent-Anteile in den Bundesländern aufaddiert (also 7,2 + 6,5 + 20,2 + …) und würde man diese Summe (266,6) durch 16 – die Zahl der Bundesländer – teilen, dann ergäbe sich ein bundesweiter Zweistimmenanteil von 16,7%.

Die Ursache für diese Differenz bzw. für das falsche Ergebnis liegt auf der Hand: Wenn man die einzelnen %-Anteile addiert und dann durch 16 teilt, dann bleiben die stark unterschiedlichen Wählerzahlen der einzelnen Länder unberücksichtigt.

Genau ein solcher Fehler liegt aber den Berechnungen der Faktoren v1, v2 und t des PWC-Gutachtens zu Grunde. Man kann leicht prüfen, dass in den Tab. 104 und 105 die Durchschnitte jeweils nach Addition der einzelnen Faktoren der 7 Vergleichs-Nationalparke und anschließender Teilung durch 7 errechnet wurden – also genau wie die falschen 16,7% der Partei der Linken. Dabei wird dann ignoriert, dass sowohl die Übernachtungszahlen als auch die Besucherzahlen der 7
Nationalparke in weitem Rahmen streuen: von 200.000 Besucher im NLP Kellerwald bis zu 1,7 Mio. Besucher im NLP Sächsische Schweiz; s. Tab. 103, S. 300).

Richtigerweise müsste man v1, v2 und t wie folgt berechnen:

v1 = Relation aller Nationalparkbesucher zu den Übernachtungen in den angrenzenden Gemeinden (das ist mit dem Begriff „Suchraum“ auf S. 298 gemeint). Es müssten also zunächst die Summen der Nationalparkbesucher und der Übernachtungen in den Suchräumen gebildet werden (Spalten b u. c), deren Quotient dann den richtigen v1-Wert = 0,97 ergibt. Die Gutachter haben jedoch in Tab. 105 lediglich die einzelnen Quotienten addiert und diese Summe durch 7 geteilt, was zu dem falschen Wert von 1,28 führt.

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v2 = Relation aller Nationalparkbesucher zu den jeweiligen Besucherpotenzialen

Auch hier müssten zunächst anhand der jeweiligen Zahlen der Nationalpark-Besucher und der Besucherpotenziale, wie sie in den Tab. 103 und 105 angegeben sind, die Summen gebildet werden, aus deren Quotient sich der richtige v2-Wert mit 0,52 ergibt. Die Gutachter haben jedoch wiederum in Tab. 105 lediglich die einzelnen Quotienten für v2 addiert und diese Summe durch 7 geteilt, was zu dem falschen Wert von 0,58 führt.

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t = Verhältniswert aus Tages- zu Übernachtungsbesucher der sieben untersuchten Nationalparks

Auch hier müssten wiederum zunächst anhand der jeweiligen Zahlen der Nationalpark-Tagesbesucher und der NLP-Übernachtungsbesucher, wie sie sich aus Tab. 104 des PWC-Gutachtens errechnen lassen, die Summen gebildet werden, aus deren Quotient sich der richtige t-Wert mit 0,64 ergibt. Die Gutachter haben jedoch wiederum in Tab. 105 lediglich die einzelnen Quotienten für v2 addiert und diese Summe durch 7 geteilt, was zu dem falschen Wert von 1,33 führt.

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Wenn man mit den korrigierten Werten für v1, v2 und t nach dem in Tab. 107 des PWC-Gutachtens vorgegebenen Schema die Besucherprognosen für die drei Szenarien herleitet, ergeben sich logischerweise deutlich geringere Werte als bei Verwendung der falschen Multiplikatoren:

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Konsequenterweise sind dann auch alle aus den Besucherprognosen abgeleiteten weiteren Werte falsch, d.h. zu groß.

Die Aussage der Gutachter, dass sich für den Nationalpark im Vergleich mit den drohenden Verlusten im Bereich der Forst- und Holzwirtschaft eine positive regionalwirtschaftliche Bilanz ergibt (s. Tab. 2, S. 30 sowie Ziffer 576ff. u. Ziffer 1059ff.), kann daher nicht weiter aufrechterhalten werden. Dies insbesondere auch deshalb, weil bei dieser Vergleichsrechnung einerseits die Betrachtung der Auswirkungen auf die Forst- und Holzwirtschaft auf Baden-Württemberg begrenzt wurde (so als ob außerhalb Baden-Württembergs nicht auch Arbeitsplätze vom Holzaufkommen aus dem Nationalparkgebiet abhängig wären), während bei den prognostizierten touristischen Effekten so getan wird, als würde die gesamte Wertschöpfung innerhalb Baden-Württembergs geschaffen.

Freudenstadt, am 10. August 2013, Prof. Dr. Wolfgang Tzschupke