machtMit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Köpf, Tharandt

Die Stellungnahme „Pro Nationalpark Nordschwarzwald“ in BDFaktuell Nr. 6-2013 löste empörte Anrufe bis nach Sachsen aus. Gut, ich war einst Bürgermeister in Baiersbronn und habe so meine Freunde in der Gegend. Doch wollte ich nicht Stellung beziehen – der Schwarzwald ist weit und die Probleme der Menschen dort sind nicht mehr meine. Doch die seltsame Rechtfertigung in Nr. 7/8-2013 veranlasst mich zu einer fachlichen Stellungnahme. Als 76-Jähriger befasse ich mich immer noch aktiv mit Forstpolitik als Wissenschaft und halte in diesem Fall das Alter für eine Legitimation.

Denn wir feiern 2013 das 300-Jahres-Jubiläum der „Sylvicultura Oeconomica“ von Hannß Carl von Carlowitz. Seinem Werk folgend wurde im 18. Jahrhundert vorbereitet, was unsere Forstwirtschaft unter der Idee „Nachhaltigkeit“ weltweit bekannt gemacht hat: Ein ökologisch-technisches System, das seit Anfang des 19. Jahrhunderts wirksam wurde. Drei Errungenschaften liegen diesem System zugrunde, die man in Sachsen Heinrich Cotta (1763-1844), in Preußen Georg Ludwig Hartig (1764-1837)und Friedrich Wilhelm Leopold Pfeil (1783-1859), schließlich aber vielen anderen in allen deutschen Landen verdankt: (1) Den Forstbetrieb „als organisatorische Einheit zum planmäßigen Dauervollzug forstwirtschaftlicher Handlungen“ (Gerhard Speidel1960), (2) akademische Qualifizierung der Förster und (3) Forsteinrichtung als Revisions- und Planungssystem. Auf diese Weise kam Deutschland zu den wunderbaren Wäldern, die als Kulturgut, Restnatur und Hort der Biodiversität unser heute hochbevölkertes und konsumgeiles Industrieland zieren. Sie bedienen unsere ressourcenhungrige Weit, binden C02, verbessern das Klima, bieten Erholungsraum und machten den Schwarzwald zu einer wichtigen Ferienregion in Deutschland. Aus Unverstand wird ein bewährtes System in unserer Zeit zerstört. Als einzige könnten wir, die Forstleute, diesem Wahn professionell begründeten Widerstand entgegensetzen. Leider wurde unsere professionelle Fähigkeit gebrochen, indem man die deutsche Forstwirtschaft seit vierzig Jahren in fataler Weise bürokratisierte. Die in unserem Fach überkommene Identität der Begriffe „Verwaltung“ und „Betrieb“ wurde nicht verstanden und eine Trennung nach den modischen Vorstellungen eines irregeleiteten Rechtssystems verfügt. Fehlentscheidungen der Politiker zerstörten das System, während ein medialer Hype „nachhaltige Entwicklung“ fordert. Fachliche Erfahrung mit Naturgebundenheit und zeitlicher Dimension wirklicher Nachhaltigkeit existiert allein in der Forstwirtschaft.

Sie schreiben, wer CDU, SPD oder GRÜNE gewählt hat, habe dem Nationalpark Nordschwarzwald zugestimmt. Würde Politik nach diesem simplen Muster funktionieren, wer ginge noch wählen? Im SPIEGEL 22/2013, S. 123, rät Harald Welzer davon ab, es stehe so viel Falsches in Wahlprogrammen. Er schreibt: „Keine Idee für die Bewahrung der Demokratie im 21. Jahrhundert findet sich im Angebot der Parteien“. Leider kann man auch sagen: „Keine Idee für die Nachhaltigkeit!“ Man denkt urban in den Parteien, weil die Mehrheit der Wähler in Städten lebt. Ländliche Räume lässt man ausbluten, man zerstört ihre Strukturen, vertreibt mehr oder weniger absichtlich ihre Bevölkerung. Dabei hängen die Privilegien des urbanen Lebens von der produktiven Arbeit in den ländlichen Regionen unseres Landes und der Welt ab. Die Zerstörung der forstlichen Nachhaltigkeit steht in diesem Zusammenhang, auch in Baden-Württemberg- auch hier gegen das fachliche Votum der forstlichen Fachvertreter, wo sogar ein Landesforstpräsident aus Protest zurücktrat! Und heute? Das schlechte Gewissen der Politiker für den Schlamassel, den sie mit „Stuttgart 21“ in Stuttgart angerichtet haben, spiegelt sich wider in der Einigkeit der Parteien. Nun soll der Nordschwarzwald dafür herhalten, hier wie dort gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung.

Als Forstleute sollten wir darauf hinweisen, dass sich nach dem Großbrand im Baiersbronner Wald anno 1800 auf Kahlflächen, welche aus fiskalischen Gründen entstanden waren, vor allem Fichten durchsetzten. Aus ökologischen Gründen! Wir erleben jetzt kaum die dritte Waldgeneration seither. Schritt für Schritt war eine strukturelle Verbesserung der Waldungen in dieser Region zu beobachten (auch nach starken jagdlichen Eingriffen in den Achtzigerjahren). Glauben Sie wirklich, ein Nationalpark könnte diese Entwicklung sinnvoll verbessern? Gutachten (sie!) sollen zeigen, der Nationalpark im Nordschwarzwald sei „vertretbar“. Naturschutzfachlicher Mehrwert wird geltend gemacht. Bitte, was soll denn das sein? Es sind die Argumente von Schreibtischtätern, von ahnungslosen Idealisten und Egoisten. Naive Vorstellungen setzen sich durch mit Begründungen cartesianischer Beobachter, die aufgrundeines reduzierten Weltbilds von außen urteilen (Brodbeck 2012). Im Wald zählt allein professionelle Erfahrung mit Begründung, Aufbau und Pflege von Beständen und deren multifunktionaler Nutzung. Förster betreuten früher „ihren“ Wald zwei bis drei Jahrzehnte, beobachteten seine Veränderungen und machten sie, sofern nicht widrige Vorgaben von außen störten, angemessener Nutzung zugänglich. Viele Förstergenerationen kümmerten sich so um die Wälder, in denen sich der Gesamtbestand in vielfältigen Einzelschicksalen der Bestandesglieder entwickelt. Dabei bedeutet Nachhaltigkeit, Möglichkeiten eröffnen und offen halten für künftige Generationen, den Wald zu nutzen, wie sie es für notwendig und richtig halten. Wer aber in unserem dichtbesiedelten Land kostenintensive Wildnis hinterlässt, handelt nicht in diesem einzig vertretbaren Sinn.

Aus forstfachlicher Sicht ist es zynisch zu nennen, wenn die Zustimmung zum Nationalpark damit gerechtfertigt wird, dass einige Förster mitreden können, nachdem der Wald segregiertem Naturschutz geopfert ist. Schon jetzt ist Deutschland Holzimportland – dass nur wenige Sägewerke und örtliche Existenzen geopfert werden, ist weiterer Zynismus. Jährlich verliert die Welt noch immer rund fünf Millionen Hektar Wald, nicht zuletzt weil sich die Industriestaaten in fremden Ländern billig bedienen. Wollen wir, dass die Menschheit in Würde überlebt, sind unsere natürlichen Ressourcen unverzichtbar. Dafür wurden über Generationen multifunktionale Wälder geschaffen. Segregation muss bei uns Ausnahme bleiben. Eine „Nation“ steht nach bundesdeutscher Verfassung schon gar nicht zur Verfügung für die „Nationalpark“-ldee. Und die nächste Generation könnte gezwungen sein, Waidland wieder der Holzversorgung zu erschließen, das wir heute leichtfertig und kostenintensiv den Illusionen einer verrückt gewordenen Konsumgesellschaft opfern. Der Apell geht daher an alle, die weit denken und nachhaltige Entwicklung wirklich wollen: Der deutsche Wald ist wertvolles Kulturgut
-wer nichts von ihm versteht, lasse bitte die Finger davon!