In der Diskussion um den Nationalpark Nordschwarzwald wird der Begriff Natur ständig gebraucht. Meinen die Leute dabei dasselbe, oder reden sie mit dem gleichen Wort aneinander vorbei?

– Im Unterschied zum Wort Schöpfung, das die Glaubenssicht auf die Welt ausdrückt, hat Natur ursprünglich keine religiöse Komponente. Aus dem Schöpfungsglauben ergibt sich der Auftrag an den Menschen, „den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren“. Gestaltende, pflegende Eingriffe und ein pfleglicher Umgang mit den Lebensgrundlagen erscheinen dabei als unlöslich miteinander verbunden. In der Praxis können Menschen daraus freilich sehr unterschiedliche Konsequenzen ableiten. Als eindeutige Anleitung bei der Entscheidung pro oder contra Nationalpark eignet sich der sogenannte Schöpfungsauftrag nicht. Beide Richtungen können sich auf ihn berufen. Keinesfalls sollte er polemisch in der Sachdiskussion verwendet werden mit dem Anspruch eines direkten Anschlusses der eigenen Meinung an ewige Wahrheit.

– Natur als philosophischer Begriff wird in der gegebenen Diskussion nur unterschwellig mitschwingen. Er bezeichnet die innere Eigenschaft einer Sache, den Charakter, das Wesen. Ist z.B. von der Natur des Menschen die Rede, soll das zur Sprache kommen, was den Menschen als Menschen kennzeichnet. Dabei können Empirie und Idee weit auseinander klaffen. Die Frage nach der Natur des Menschen bleibt aber immer wesentlich als Nötigung, sich selber zu hinterfragen. Denn in sogenannten reinen Sachfragen wirken immer auch persönliche Einstellungen und Vorprägungen mit.

– Bei der Sachfrage Nationalpark geht es m. E. um jenen Naturbegriff, den der altrömische Naturforscher Plinius d.Ä. natura rerum (Sachennatur) nannte. Er meinte damit die Gesamtheit der Dinge bzw. Phänomene in der Welt, mit denen der Mensch umgeht. Sie bilden als vorkommende Sachen (res) die Objekte für das Forschen, Verstehen und Gebrauchen durch den Menschen.

– Natur scheint allerdings heute für nicht wenige fast eine Person zu sein, eine eigene, lebende Größe, der man etwas nehmen, geben oder zurückgeben könne. Romantische Verklärung schlägt durch, neuerdings gesteigert durch Einflüsse aus alten Kulturen, wie z. B. der nordamerikanischen Indianer. Esoterisch aufgeladen bekommt das Wort dann quasireligiösen Charakter. Als wahre Natur gilt so nur die vom Menschen unberührte Welt. Alles, was der Mensch darin gestaltet und für sich braucht, erscheint fragwürdig, als Eingriff.

– Im Kontrast dazu sehen andere Natur als bloßen Gegenstand der Bearbeitung zum Nutzen des Menschen oder gar nur aus Eigennutz. Bodenschätze sind zum Abbau und Fördern da. Maßstab ist die technische Fähigkeit und der Kosten-Gewinn-Faktor. Dabei wird auch Tierhaltung oder Agrarproduktion nach industriellen Methoden und Regeln betrieben. Der Blick für den Eigenwert und die Interdependenzen der Welt, wenigstens der Biosphäre, scheint völlig verloren.

– Natur meint alltagssprachlich in der Regel Landschaft außerhalb von Asphalt und Beton, abseits von hektischem Umtrieb und alltäglicher Mühe. Man spricht gern von „Gottes freier Natur“ und denkt an das Grünjenseits von „grauer Städte Mauern“. Es handelt sich dort allerdings um Kulturlandschaft, vom Menschen in Jahrhunderten bearbeitet. Zur Natur des Menschen gehört eben, dass er als ein Teil der Natur zugleich ein bewusstes Gegenüber zu ihr bildet. Das Wort Kultur bewahrt noch immer seinen Ursprung: Agricultura, Ackerbau. Aus einem Jäger und Sammler wandelte sich der Mensch zum Bauern. Dieser begann, das Vorhandene nicht mehr schicksalshaft hinzunehmen, als eingepasstes Teilchen des Ganzen. Als Kulturwesen wertet homo sapiens, wählt aus, fördert, bevorzugt, hemmt, bekämpft. Er sortiert vorgegebene Kräfte ein und aus, stärkt oder schwächt sie nach Können und Bedarf. Aber offensichtlich muss man bei diesem Gestalten und Verwandeln das Eigeninteresse des Ökonomen mit dem Eigenen der Landschaft verbinden ( s.o. „bebauen und bewahren“). Nur dann empfinden wir gestaltete Natur als schön, als erholsam, als heimatlich oder gastlich.
Monokulturen etwa erscheinen langweilig, irgendwie öde. Sie erweisen sich auch meist auf die Dauer als schädlich. Daher werden etwa die reinen Fichtenplantagen, die „Maisfelder aus Fichten“ in der Forstwirtschaft ZW1ehrnend als Auslaufmodell gesehen.

„Intakte, wunderschöne Natur wollen Sie verrecken lassen“ wurde bei der Diskussion in der Baiersbronner Schwarzwaldhalle ( April 2013) dem Ministerpräsidenten an den Kopf geworfen. Die Worte waren drastisch gewählt. Aber man konnte sie hören als einen Verzweiflungsschrei über die bevorstehende Zerstörung schöner, gesunder Forste. Hier noch der herrliche Hochwald, dort dann die grau aufragenden Gerippe. Nationalpark, das heißt auf jeden Fall, dass mindestens in dessen Kerngebiet der Fichtenwald, der Forst, geopfert wird. Schöne Landschaft vernichtet, Arbeit und Einsatz von Generationen zunichte gemacht, wertvolles Holz abgeschrieben. Nur Wohlstandsbürger können wohl auf solche Ideen kommen. Herr Kretschmann ließ sich davon nicht beeindrucken, er fragte zurück, wie man von „verrecken lassen“ sprechen könne, wo es doch darum gehe, ein Stück Natur sich selber zu überlassen.

„Sich selber“ – stimmt das; was für ein Selbst soll das sein? Tatsächlich geht es doch darum, ein Stück von Menschen mitgestaltete Landschaft wieder dem freien Spiel aller Einflüsse und dem Lebenskampf aller gegen alle zu überlassen. Die Wendung „Sich selber“ enthält implizit ein Urteil, ein Vorurteil bzw. die Vorentscheidung:

Eigentliche Natur gibt es nur ohne den Menschen. Im angestrebten Urwald wird auf den Menschen verzichtet, er stört darin. Im freien Spiel aller Kräfte gedeiht Leben auf die Dauer am besten. – So geht wohl Evolution. Aber in Jahrtausenden!

Wie sich dieses Konzept mit Tourismus reimen soll, bleibt fraglich. Urwald, durch die Anwesenheit von Menschen nicht gestörte Biosphäre, wie passen Menschen- und Autoströme, Tiergehege, Wanderwege, gar Hochseilsteige über den Wipfeln dazu? Das klingt wie Urwald mit Vergnügungspark Rust gekreuzt. Dabei schwebt z.B. den Leuten im Naturschutzzentrum Ruhestein als Ziel doch ein Wald vor nach der Art, wie ihn die Römer vorfanden, als sie „frech geworden nach Deutschlands Norden zogen.“ Von denen stamme nämlich der Name Schwarzwald ursprünglich her, silva nigra. Diesen Südländern erschien der wilde, dichte Wald im regenreichen Norden unwirtlich, abschreckend wie die Nacht, ein Dunkel und voller Gefahren.

Man kann als Romantiker oder Naturapostel ein Stück Urwald im Nordschwarzwald gut finden. Wenn es um die Artenvielfalt geht, spreche einiges dafür, meinen etliche Biologen. Hier könnte aber auch ein nachhaltigerer, artenreicherer Forst gute Dienste tun. Vor allem darf der Zeitfaktor nicht vernachlässigt werden, wenn das Ziel Urwald heißt. Man wird mit mehreren Zyklen von Baumgenerationen rechnen müssen, ehe die dominierende Fichte so weit zurückgedrängt ist, dass der „Römerwald“ mit Tannen und Buchen als Hauptbestand sich durchgesetzt hat.

Der ansprechende Nationalparkprospekt der Regierung mit seinen verlockenden Bildern jedenfalls gibt nichts wieder, das in absehbarer Zeit eintreten kann.

Der erfahrene Waldbauer weiß das, der verstädterte Bürger einer schnelllebigen Zeit macht sich Illusionen. Die Schlachten zwischen Kulturwald und Urwald werden Jahrhunderte dauern. Außer, der Mensch greift planvoll gestaltend ein und verschafft dem Ziel „Römerwald“ von Anfang an Vorteile. Gegen das bloße Aufgeben eines Stückes Kulturlandschaft spricht neben dem Zeitfaktor auch die Unkenntnis, mindestens Unsicherheit über mögliche Entwicklungen in einem Nationalpark, die auf das Umland überspringen könnten. Daher: Was der Mensch über Jahrhunderte geschaffen und gestaltet hat, kann in einigermaßen überschaubaren Zeiträumen auch nur der Mensch ohne größere Kollateralschäden wieder zurückbauen.

Echte Naturjünger werden diese Gedanken entsetzt zurückweisen. Für sie geht es ja gerade darum, „ein Stück Natur sich selbst zu überlassen“. Einige Fachleute haben allerdings – wohl eher stillschweigend – entsprechende Gedanken bereits eingeführt: Das „Käfermanagement“, auf 30 Jahre geplant, weist daraufhin. „Wildmanagement“ zielt in dieselbe Richtung. „Sich selber überlassen“ geht anders! Warum nicht, da Grün-Rot den Nationalpark partout will und nicht davon lässt, hier weiterdenken, also nicht bloß Käfermanagement, sondern Urwaldmanagement betreiben? Dann könnte der Fichtenbestand ohne Käferkatastrophen planvoll reduziert und weiter verwertet werden, der übrige Baumbestand, besonders Tannen und Buchen, hingegen gefördert. Es würde dann nicht 500 bis 600 Jahre dauern, sondern vielleicht nur 150, bis ein urwaldähnlicher Zustand erreicht wäre, in dem sich Eingriffe von Seiten des Menschen erübrigten.